Fünfte Mini-Spielzeit des Deutschen Theaters im rumänischen Temeswar
Posted by PM-Ersteller - 18/03/25 at 01:03:59 p.m.Ergreifende Hommage auf der Bühne an das multiethnische Siebenbürgen und Aufruf für ein friedliches Zusammenleben angesichts der heutigen internationalen Lage … (von Dieter Topp)
Gemeinsam mit dem internationalen Theaterfestival im rumänischen Sibiu (Hermannstadt), u.a. auch der Theaterschule und Kulturmanagement-Ausbildung, hat sich das Nationaltheater „Radu Stanca“ seit 2007, dem Jahr der Kulturhauptstadt Europas, an die Spitze gesetzt, in Sachen Entwicklung der Kulturlandschaft Siebenbürgens entscheidend beizutragen.
Die Partnerschaft mit der deutschen Gemeinschaft, das Kulturerbe und qualitativ hochwertige Kulturangebote zu fördern, wird entscheidend vom deutschsprachigen Ensemble dieses Theaters getragen. Nicht nur Jung and Alt der deutschen Minderheit nutzen die Angebote, andere Ethnien und vor allem Rumänen füllen regelmäßig das Haus, zumal jede Vorstellung ins Rumänische übertitelt wird.
Zum fünften Mal fand im Frühjahr 2025 die Mini-Spielzeit der Deutschen Abteilung des Nationaltheaters vor zahlreichen internationalen deutschsprachigen Gästen aus Kultur, Politik und Journalismus statt, die allesamt mit begeistertem Echo die Qualität und kulturelle Bedeutung spiegelten.
Der Prozess nach Kafka
Bei seinen szenischen Umsetzungen ausdrücklich klassischer Werke bedient sich der ungarisch stämmige Regisseur Botond Nagy gerne mehrerer Zeiten und Epochen. Seine bizarren Protagonisten agieren in einer breiten Palette akustischer und optischer Stile, wobei Musik ein wesentliches Element seiner bildhaften Produktionen ausmacht.
Dieser Kafka zeigte erstmals einen Nagy, so nahe am Text wie selten, der einen Akkord angeschlagen hatte, den er zuvor noch nicht erkunden konnte. “ … ein Stück mit viel Bewegung, mit viel Körperlichkeit, … eine Show, die sich zu einer Album-Veröffentlichung unserer täglichen Absurdität entwickelte.“
Ein theatralisches Kompositum Mixtum zwischen Kafka’scher Gedankenwelt, der Vorstellungskraft von Nagy und dem schauspielerischen Ausnahmetalent eines Gyan Ros in der Rolle des Josef K. .
Die theatralische Installation „Einfach das Ende der Welt“ von Eugen Jebeleanu nach Texten von J.-L. Lagarce bewies erneut das wichtige Engagement der jungen Deutschen Abteilung des Nationaltheaters Sibiu in Sachen Diversität. (Darin besteht in Rumänien starker Aufholbedarf.) Zugleich stellte die Crew ihr schauspielerisches Können – mit einigen exzellenten Darstellern aus dem Sibiu-Ensemble – unter Beweis und setzte sich nonchalant hinweg über alle Widrigkeiten, welche die ungenutzte Halle einer Shopping-Mall in Sachen Akustik mit sich bringt.
Eine „lyrische Tragödie“ nannte Federico Garcia Lorca „Die Bluthochzeit“, die auf einem tatsächlichen Vorfall beruht und immer neue Generationen von Regisseuren herausgefordert. Auch Hunor von Horvat hatte sich dieser Herausforderung angenommen und das Stück umgesetzt.
Die Tragödie nahm diesmal im Umfeld einer rumänisch, multiethnisch durchwobenen Hochzeit ihren Lauf. Optisch, musikalisch und im Spiel der Darsteller fehlte so auch keine bäuerliche, manchmal derbe Attitüde. Am besten gelang dem Regisseur die geschickte Einbindung komödiantischer Aspekte in das tragische Spiel, das in einem ausdrucksstarken, meisterlich choreographierten Zweikampf seinen Höhepunkt fand.
Hier endlich konnte auch der sonst eher eindimensionale Darsteller des Bräutigams, Richard Hladik, neben dem starken Gyan Ros als Leonardo glänzen. Olga Török als Braut überzeugte durchgängig und Johanna Adam als Mutter verhalf ihr klassisches geprägtes Spiel zum Publikumserfolg.
Wie der Abspann beim Film lief ein Fließtext über den Bühnenhintergrund: Egal ob du Rumänisch, Ungarisch oder Deutsch bist, wir sind „Made in Romania“. Egal ob du Moldauisch, Siebenbürgisch oder Oltenisch bist, wir sind „Made in Romania.“
Dieser „Garcia Lorca made by Horvath“ lieferte eine ergreifende Hommage an das multiethnische
Siebenbürgen und einen Aufruf für ein friedliches Zusammenleben.
Danke! Das brauchen wir auf der Bühne und im Leben angesichts der heutigen internationalen Lage.
Ein theatralischer Pas-de-deux „Steine in den Taschen“ von Marie Jones bildete den glanzvoll effektvollen Abschluss der Mini-Spielzeit.
In dieser Version wurde ein siebenbürgisches Dorf von einem Filmteam heimgesucht, das ein großes Hollywood-Epos drehte. Wir lernten Jake und Charlie kennen, zwei Einheimische, die als Komparsen für den Film eingestellt drei Wochen lang für 40 Euro pro Tag die Welt des Films entdeckten.
„Steine in den Taschen“ zeigte die Entstehung eines Films, verwob die 15 Rollen des Sets gespielt von zwei Schauspielern, die in einer Zehntelsekunde von einer Rolle zur anderen wechselten, unterstützt und rhythmisiert am Zymbal von Romulus Cipariu. Wir entdeckten die Geheimnisse des Kinos und vor allem wie zwei Statisten die eigentlichen Hauptrollen zelebrierten.
Daniel Plier hatte dieses rasante Stück in Szene gesetzt und spielte zugleich eine/n der Protagonist/innen. Ali Deak begeisterte mit seinem netten rumänischen Akzent und einer deutschen Sprach- und Ausdruckstechnik, die eine profunde Sprachkenntnis durchblicken ließ. Dies war mir bislang bei dem zumeist im rumänischen Theater spielenden Akteur neu und begeisterte.
Die im Mini-Show-Case betonte Zusammenarbeit mit dem deutschen Staatstheater Temeswar (Timi?oara) war und ist gut, richtig und angesichts der politischen (und auch kommerziellen) Situation wichtig.
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Festival der Darstellenden Künste im rumänischen Hermannstadt, Transsilvanien
Posted by PM-Ersteller - 06/07/23 at 11:07:35 a.m.FITS30 – ein 12stündiger täglicher Kulturmarathon anlässlich des Jubiläumsfestivals in Sibiu … (von Dieter Topp)
Sibiu im rumänischen Siebenbürgen gelegen ist auch Hermannstadt, eine Art Enklave in Rumänien. Das gilt nicht nur für seine besondere Lage in der Mitte Rumäniens, in Siebenbürgen, auf einem Plateau umgeben von Gebirgen, und schon deshalb ein wenig abgeschottet von den anderen Regionen, was sich auch auf seine kulturelle Historie ausgewirkt hat.
Vom 23.6. bis 02.07. diesen Jahres wartete das FITS, das internationale Theaterfestival, zum 30. Jubiläumsjahr mit einem täglichen kulturellen Fitness-Marathon von Mittag bis Mitternacht auf. Bei einem Besuch anlässlich Kulturhauptstadt Europa im Jahr 2007, verglichen mit den Zahlen der Gäste, die heuer erschienen, wirkten Region und Stadt Sibiu schon fast überfüllt, besonders jedoch überquellend vor Menschen, die sich durch die Straßen und Gassen bewegten, um vom Vormittag bis spät in den Abend hinein Kultur jeglicher Art zu erleben und vor allem zu genießen.
„Wir sind ein vielschichtiges und komplexes Festival aller Künste, FITS ist eine perfekte Mischung aus Theater, Tanz, Zirkus, Film, Musical, Oper, Büchern, Konferenzen, Ausstellungen, Performances, Musik und Straßenshows,“ so benannte es Festivalchef Constantin Chiriac im Vorwort. Davon konnten sich Besucher und Gäste erneut ihr eigenes Bild machen.
Die Pressestelle des KulturForum Europa berichtete seit 2007 immer mal wieder vom Hermannstädter Großereignis und war in diesem Jahr überrascht, wie sehr das Festival zu einem Muss für Einheimische und Touristen, für Groß und Klein zugleich angewachsen war. Man sah fremde Gesichter, vornahm vielschichtiges Stimmengewirr in gemeinsamem Wohlfühl-Tenor.
Die gratis open-air Angebote lockten täglich Scharen von Schaulustigen in die Straßen und Plätze des beschaulichen Stadtzentrums, das schon über das Jahr keinen typisch rumänischen Eindruck macht, zu Festivalzeiten einem Jahrmarkt der Nationen glich.
Die Festivals von morgen bedeuten immersive Technologie, Nachhaltigkeit und ganzheitliches Wohlbefinden
Festivals sind populäre Veranstaltungen, bei denen neben Theater, Musik und Tanz vor allem die mitreißende Atmosphäre im Mittelpunkt steht. „Wunder“, die 30. Ausgabe des FITS Festivals führte die Besucher ein weiteres Mal zu beeindruckenden Erlebnissen.
Darin reihten sich nicht nur die internationalen Teilnehmer der Shows ein. Es steckte der Wille dahinter, die Stadt Sibiu, ihre Bürger und die umliegende Region mit Kultur in Form Darstellender Künste auf internationalem Niveau zu bereichern. In der rumänischen Region entwickelte sich schon seit Jahren ein eigenständiges Festivalleben und die Macher des ansässigen Radu Stanca Nationaltheaters, allen voran ihr Festivalmacher Constantin Chiriac, haben für eine derartige Zukunft bereits Vieles auf die Schiene gebracht.
Aus den bescheidenen Anfängen hat sich im Laufe der Jahre, besonders seit 2007 das FITS Festival zu einem Markenzeichen entwickelt. Und davon profitiert auch das Image der Stadt Sibiu.
Seit einem Vierteljahrhundert traten mehr als 500 Straßentheater auf den Straßen und Plätzen von Sibiu auf und das Festivalprogramm umfasste sowohl Freiluft- als auch sehr beliebte Vorstellungen im Zirkuszelt. Im Laufe der vergangenen 25 Ausgaben des FITS lockten die Vorstellungen im Freien, vor allem die auf den beiden Hauptplätzen von Sibiu, die meisten Zuschauer an. In den Kirchen von Stadt und Umgebung veranstalteten rumänische und internationale Künstler und Bands Fado-, Gospel-, Orgel-, Opern- und andere Konzerte, so auch in diesem Jahr.
„Von der ersten Ausgabe des Festivals an waren in Hermannstadt einige der repräsentativsten internationalen Theatergruppen, Regisseure, Schauspieler und Bühnenbildner zu Gast, was nicht nur zu einem Wandel in der Offenheit der Gemeinschaft für andere Mentalitäten, Welten und Kulturen führte, sondern auch zu einer Professionalisierung der rumänischen Künstler und Studenten der darstellenden Künste, die nach Hermannstadt eingeladen wurden, um dort aufzutreten und an Workshops, Konferenzen usw. teilzunehmen. In den 27 Ausgaben des Festivals wurden über 1.500 Aufführungen (Theater, Tanz, Zirkus, Musik, Oper, Musicals, Konzerte) präsentiert, davon mehr als 1.000 Theateraufführungen. … Berühmte Regisseure von Weltrang oder junge Regisseure mit großem Potenzial haben zum Bekanntheitsgrad des Festivals beigetragen, nicht zu vergessen die namhaften Regisseure Rumäniens,“ wusste Chiriac zu berichten.
Obwohl der Name des FITS immer noch das Wort „Theater“ enthält, hat es sich seit den ersten Ausgaben zu einem echten Festival der darstellenden Künste entwickelt. Die Notwendigkeit, dem Publikum nicht nur neue Formen des Theaters, sondern auch andere Kunstformen vorzustellen, veranlasste die Organisatoren, verschiedene Arten von Tanzaufführungen einzuladen – zeitgenössische, traditionelle (Flamenco, Kathak, Kabuki, Butoh, Noh, Derwisch, afrikanisch, balinesisch), Hip-Hop, Flexing.
Heritage-Aufführungen, eine Festivalbesonderheit,
nehmen einen besonderen Platz im Programm der Theateraufführungen ein. Diese entstanden im Laufe der Jahre in Sibiu, wurden vom nationalen und internationalen Publikum sehr geschätzt, darunter „Metamorphosen“, „Faust“, „Warten auf Godot“, „Die scharlachrote Prinzessin“ nicht nur als beständige Festivalgröße, sondern als ganz besondere Touristenattraktionen.
Wie die Geschichte begann…
1993 beschloss eine Gruppe unter der Leitung von Constantin Chiriac, Schauspieler am Nationaltheater „Radu Stanca“ in Sibiu, der Stadt ein Theaterfestival anzubieten. Eine Aktion, die ausschließlich von der Liebe zur Stadt, der Liebe zum Theater und dem Wunsch getragen wurde, der Gemeinschaft ein Wahrzeichen zu bieten, einen Grund, stolz und fröhlich zu sein.
Es war März und es gab Schneeverwehungen. Für viele, die noch nie Schnee gesehen hatten, außer in Filmen, schien Rumänien ein faszinierendes Land zu sein. Die Gäste trugen Knoblauch in ihren Taschen, um sich vor Vampiren zu schützen. Doch die großartigen rumänischen Aufführungen und ausländischen Theater gaben dem Festival bald schon die Qualität eines bemerkenswerten Ereignisses in der internationalen Kulturlandschaft.
Von Jahr zu Jahr wuchs das Ereignis und 2007 markierte eine außergewöhnliche Ausgabe des Festivals: in Anerkennung des Beitrags dieser Veranstaltung zum Titel der Kulturhauptstadt Europas, zusammen mit Luxemburg und der Großregion, brachte diese besondere Ausgabe mehr als 2.500 Gäste aus 70 Ländern zum Auftritt.
Mit Stolz wies Constantin Chiriac, der zugleich sein 30. Gründerjubiläum als Festival-Direktor beging, auf international bekannte Persönlichkeiten, Künstler, Regisseure, Botschafter, Premierminister und Präsidenten hin, die im Laufe der Jahre beim FITS zugegen waren.
Die Tatsache, dass das größte rumänische Fest der Darstellenden Künste in einer kleinen Stadt in Siebenbürgen stattfindet, zog 2023 wie damals zahlreiche Kulturliebhaber an. Straßen, Plätze, Kathedralen, Kirchen, Parks, Festungen, Industrie- und Theaterhallen quollen über mit Gästen aus aller Welt, die dieses Fest in vollen Zügen genossen.
Die Nachricht, dass zu Beginn des Festivals bereits alle Eintrittskarten verkauft waren, überraschte niemanden mehr, ebenso wenig wie die ausgebuchten Unterkünfte in der Stadt schon lange vor dem ersten Festivaltag.
FITS bestätigte wieder einmal, dass Kultur Menschen zusammenführt und Gemeinschaften voranbringt, und kann darüber hinaus die Geschichte und die Architektur einer Stadt grundlegend und zum Besseren verändern, so wie in Sibiu die verfallenen Hallen einer ehemalig florierenden Industrie in eine echte Kulturfabrik verwandelt wurden.
Was will man noch mehr als hinreisen, selber erfahren und genießen.
www.sibfest.ro
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